Universität Heidelberg
Ägyptologische Forschungsstätte für Kulturwissenschaft

Konzept

Das Projekt „Archäologie der literarischen Kommunikation“ verfolgt das Ziel, die Erforschung der Literatur in einen weiten kulturwissenschaftlichen Rahmen zu stellen. Im Sinne einer „Archäologie“ geht es um Erschließung der Entstehungskontexte und Frühhorizonte des Literarischen und damit um die Einbeziehung der „kleinen“ altertumswissenschaftlichen und kulturanthropologischen Fächer sowie um die Sprengung des zeitlichen und räumlichen eurozentrischen Horizonts der traditionellen Literaturwissenschaft. Zum ersten Mal kommen hier seit fast 30 Jahren Fächer wie Ägyptologie, Assyriologie, Indologie und Sinologie mit neuen Philologien und theorieorientierten Disziplinen wie Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie ins Gespräch, ein Beispiel, das inzwischen Schule gemacht hat. Der Begriff der „literarischen Kommunikation“ bezieht sich über die Welt der Texte hinaus auf die Formen ihrer sozialen und kulturellen Einbettung. 

Dieses Projekt hat sich von Anfang zwischen zwei Polen entfaltet, einem grammatologischen und einem anthropologischen. Natürlich hängen diese beiden Richtungen auch zusammen und überschneiden sich vielfältig. Die grammatologischen Themen kreisen um die Frage, auf welche Weise die Schrift und das Schreiben unsere Welt verändert haben, und diese Frage wird anthropologisch, wenn es darum geht, in welcher Weise die Schrift den Menschen verändert hat, der sich schreibend und lesend ihrer bedient. Die anthropologischen Themen kreisen um die Frage “Was ist der Mensch?“ und betreffen die Antworten, die die Literatur als ein Instrument der menschlichen Selbstbeobachtung auf diese Frage gibt. Die Frage wird grammatologisch, wenn es speziell um den schreibenden und lesenden Menschen geht. 

Jan Assmann

Publikationen

Der Arbeitskreis, der sich für jedes Einzelprojekt wieder anders und themenspezifisch zusammensetzt, hat sich im Jahre 1979 konstituiert und seitdem 15 Tagungen veranstaltet, die in 11 Bänden im Verlag W. Fink (München/Paderborn) publiziert wurden: 


1. Aleida und Jan Assmann, Christof Hardmeier (Hgg.), Schrift und    Gedächtnis 

        Das Projekt nahm seinen Ausgangspunkt von der grammatologischen Frage nach der Beziehung zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Schrift wird hier nicht als das Gegenteil, sondern als eine Form von Gedächtnis verstanden. Damit wurde der Grund gelegt zu der Theorie, die wir später unter dem Stichwort des „Kulturellen Gedächtnisses“ ausgearbeitet haben. 


2. Aleida und Jan Assmann (Hgg.), Kanon und Zensur (1987) 

        Dieser Band setzt die grammatologische Fragestellung von (1) fort und versteht Kanonisierung als eine Steigerungsform von Schriftlichkeit. Die einzelnen Beiträge fragen nach den kulturellen Funktionen und Rahmen-
bedingungen von Kanonisierungsprozessen im Bereich der Religion und der Kunst. 


3. Aleida Assmann (Hg.), Weisheit (1990) 

        Der Band Weisheit weitet die grammatologische Frage nach Wesen und Wirkungen von Schriftlichkeit ins Anthropologische aus und fragt nach den Formen und Wertigkeiten des Wissens, das Menschen der Schrift anvertrauen. Hier geht es um die Funktionen der Literatur auf den höchsten und anspruchsvollsten Stufen menschlicher Verständigung über Sinn- und Seinsfragen. 


4. Jan Assmann, Burkhard Gladigow (Hgg.), Text und Kommentar (1995) 

        Mit diesem Projekt wird die Frage nach dem Kanon fortgesetzt. Die Entstehung von Auslegungskulturen erweist sich als das notwendige Korrelat zur Kanonbildung und der Kommentar als unabdingbare Ergänzung des kanonisierten Textes. 


5. Aleida und Jan Assmann (Hgg.), Geheimnis und Öffentlichkeit (Schleier und Schwelle I, 1997) 

        In diesem Band geht es, in Fortsetzung des Projekts „Weisheit“, um das vorenthaltene Wissen, die Formen seiner Überlieferung und die Funktionen der Geheimhaltung. 


6. Aleida und Jan Assmann (Hgg.), Geheimnis und Offenbarung (Schleier und Schwelle II, 1998) 

        Dieser Band beleuchtet die religiösen Aspekte des Geheimnisses, insbesondere die Unterscheidung zwischen dem „Unsagbaren“ und dem „Versagten“. 


7. Aleida und Jan Assmann (Hgg.), Geheimnis und Neugierde (Schleier und Schwelle III, 1999) 

        Hier stehen jene Geheimnisse im Blick, die durch die auf sie gerichtete Neugier überhaupt erst als solche konstituiert werden. Neugier und Geheimnis konstituieren sich gegenseitig, ein Prinzip, das literarisch besonders fruchtbar ist. 


8. Aleida und Jan Assmann (Hgg.), Einsamkeit (2000) 

        Das Thema Einsamkeit behandelt die kulturellen Rahmenbedingungen und literarischen Ausdrucksformen von Individualität. Hier geht es insbesondere um die Bedeutung von Schrift und Schriftlichkeit für die Positivierung von Einsamkeit, auch in ihren religionsgeschichtlichen Aspekten: in Bezug auf die Entstehung von Monotheismus und Eremitentum. 


9. Aleida und Jan Assmann (Hgg.), Aufmerksamkeiten (2001) 

        Das Thema Aufmerksamkeit setzt die Untersuchung kultureller Selektions- und Bewertungsmechanismen fort, um die es bei den Projekten „Kanon“ und „Weisheit“ ging. Der Band geht den verschiedenen Aspekten der Aufmerksamkeit unter philosophischen, theologischen, kulturwissenschaftlichen, soziologischen, anthropologischen, neurobiologischen, kunst- und medienwissenschaftlichen Perspektiven nach. 


10. Aleida und Jan Assmann (Hgg.), Hieroglyphen (2003) 

        Ausgehend von den altägyptischen Hieroglyphen und ihrer Rezeption durch die Griechen geht es in diesem Band um den grammatologischen Diskurs, der sich im Abendland um den Begriff der Hieroglyphe entfaltet hat und bis in die Literatur- und Kunst-, die Medien- und Filmtheorie des 20. Jahrhunderts reicht. 


11. Aleida und Jan Assmann (Hgg.), Verwandlungen (2005) 

        Dieser Band behandelt das Problem der Identität vom Gegenbegriff der Verwandlung aus. Es geht um die Frage „Was ist der Mensch?“, ein Verwand-
lungskünstler oder ein berechenbares, auf eine unverwechselbare Identität festgelegtes Subjekt? Hat er sich von einer labilen, verwandlungsfähigen zu einer stabilen Identität entwickelt und welche Rolle spielt die Schrift in diesem Prozeß? Der Arbeitskreis hat im Juli 2006 in Maurach bei Konstanz ein kleines Kolloquium zum Thema „Erasing Narration“ veranstaltet zu Ehren von Wolfgang Iser, der am 22.7. 80 wurde. Es ist geplant, die Beiträge im Verlag W. Fink zu veröffentlichen.

Jan Assmann

Aktuelle Tagung/Publikation

Das 12. Projekt des Arbeitskreises wird sich im Herbst 2007 dem Thema Vollkommenheit (perfection/perfectibility) widmen. Damit wollen wir eine Richtung fortsetzen, die sich aus „literaturarchäologischer“ Sicht Grundfragen der conditio humana widmet. Ähnlich wie das Thema „Verwandlung“ den Kontrapunkt zum Problem der Identität, bildet das Thema „Vollkommenheit“ den Kontrapunkt zum Problem der menschlichen Unvollkommenheit, das sich einerseits aus dem Bewußtsein der „extrapositionalen“ Stellung des Menschen in der Natur (H. Plessner), seiner Unfestgestelltheit, Unsicherheit und Vorläufigkeit, und andererseits aus der unhintergehbaren Differenz zur Idee des Göttlichen ergibt, mit welcher sich überall die Vorstellung einer dem Menschen vorenthaltenen Vollkommenheit verbindet. Als Prärogativ des Göttlichen ist Vollkommenheit den Menschen entzogen, ja stellt geradezu das Andere des Menschen dar. Das schließt jedoch nicht aus, daß in der Geschichte des Menschen Einzelne dieses Ideal für sich, die Gesellschaft, die Menschheit angestrebt haben oder in den Augen anderer dieses Ziel sogar erreicht haben, wofür die Namen großer Heiliger und Künstler (Raffael, Mozart, Goethe) stehen mögen. 

Das Leiden an der Unvollkommenheit in ihren vielfältigen Formen, das in einer kaum überschaubaren Fülle von Mythen und Bildern weltweiten Ausdruck findet, provoziert ebenso vielfältige kulturelle Visionen und Konstruktionen von Vollkommenheit. Aus dem Bewußtsein seiner Unvollkommenheit heraus sehnt sich der Mensch seit jeher nach Vollkommenheit und entwickelt eine Reihe kultureller „Anthropotechniken“, die ihn diesem Ziel näher bringen sollen. Wir wollen das Thema Vollkommenheit im Sinne von homo perfectus und homo perfectibilis verstehen. Dabei soll auch das weite Gebiet der politischen Utopien nicht aus dem Blick verloren werden. Die Suche nach Vollkommenheit setzt beim Individuum an, um sich in der Umgestaltung der Gesellschaft zu vollenden. Staat und Gesellschaft bilden die Horizonte menschlicher Vervollkommnung. 

Als eine utopische, auf Erden (noch) nicht verwirklichte Kategorie eignet der Vollkommenheit das Element des Zukünftigen. Das ist das Motiv des "Endes", das im deutschen Wort "Vollendung" ebenso wie im ägyptischen nefer anklingt. Mit dem Vollkommenheitsthema sind Zeitvorstellungen verknüpft, die eine unvollkommene Gegenwart im Hinblick auf eine vollkommene Urzeit (das Goldene Zeitalter) und/oder Endzeit (das Paradies auf Erden, die messianische Zeit, die klassenlose Gesellschaft usw) relativieren (vgl. Ernst Blochs "Geist der Utopie"). So gewinnt gerade in der Situation unserer gegenwärtigen Zukunftskrise das Thema Vollkommenheit eine neue Aktualität. 

Das Thema gewinnt seine Aktualität durch die neuen Entwicklungen in der Biologie, insbesondere durch die Entzifferung des Genoms. Das haben vor allem P. Sloterdijk in seiner Elmau-Rede 1999 und die dadurch ausgelöste Debatte deutlich gemacht. Angesichts dieser Aktualität werden die historischen und kulturanthropologischen, religions- und literaturgeschichtlichen Aspekte dieser Thematik oft übersehen. Die Arbeit an der menschlichen Unvollkommenheit ist nicht erst die Entdeckung des „Posthumanismus“, sondern ein Menschheitsthema von universalem Rang und zugleich ein Thema, das die Literatur von ihren allerersten Anfängen an beschäftigt hat. 

Unser Projekt soll dazu beitragen, sich dieser umfassenden Dimensionen des Themas zu vergewissern und jenen nötigen historischen und kulturellen Abstand zu gewinnen, der in den Beiträgen zur Posthumanismus-Debatte meist vermißt wird und der für den rechten Umgang mit den anstehenden Problemen jedoch unabdingbar erscheint. 

Jan Assmann 



Ort: Schloss Wartegg 

Zeit: 20.-23.9. 2007

 

Teilnehmer und Themen (vorläufige Fassung) 


Block I: Göttliches und Menschliches 

Walter Haug: 1. Vollkommenheit über das Einssein mit Gott, 2. Vollkommenheit als unendliche Annäherung an einen nicht mehr erreichbaren Gott, 3. Säkularisierung dieses Prozesses in der Idee der Perfektibilität 

Guy Stroumsa: On Christian Perfection (Imitatio Christi) 

Oliver Krüger: Überwindung und Vervollkommnung des Menschen im Posthumanismus (AT) 


Block II: Übermenschliches und allzu Menschliches 

Regina Ammicht-Quinn: Stigma und Scham (AT) 

David und Vincent Assmann: Superman & Co: Übermenschliches und Vollkommenheitsutopien im Comic 

Thomas Macho: Vorbilder: Strategien der Hervorbringung des Vollkommenen (AT) 


Block III: Utopisches und Unmenschliches? 

Wilhelm Voßkamp: Skripturale und visuelle Darstellungen der Vollkommenheit in literarischen Utopien 

Manfred Weinberg: ‚Unsterblichkeit heißt die Verlockung’: Die Schriftsteller und die Vervollkommnungsphantasien der Gentechnik (AT) 



Noch kein festes Thema: 

Alois Hahn, Andreas Kilcher, Martin Mulsow, J. u. A. Assmann 


Weitere angefragte Teilnehmer: 

Helmut Fend: Bildung als Vervollkommnung 

S. Maul: Heroische Vollkommenheit: Gilgamesch und Herakles 

Anton Bierl, Teleia: Mysterien als Weg zur Vollkommenheit in der griechischen Religion 

J. Halfwassen (Philosophie, Heidelberg): Plotin 

Sara Sviri (Jerusalem): Al insanu al kamil. Das Bild des vollkommenen Menschen in der islamischen Mystik. 

Moshe Idel: Kabbala and perfection 

Gita Dharampal-Frick Vollkommenheitsideale im indischen Asketentum 

A. Michaels: Entsagung als Weg zur Vollkommenheit