Universität Heidelberg
Ägyptologische Forschungsstätte für Kulturwissenschaft

Entstehung und Grundlagen

Die Ägyptologische Forschungsstätte für Kulturwissenschaft (ÄFKW) verdankt sich einer langfristig angelegten Zuwendung der Athenaeum – Dietrich Götze Stiftung für Kultur und Wissenschaft in Heidelberg. Das Interesse von Prof. Dr. D. Götze auch an den Geisteswissenschaften und an der Ägyptologie im Besonderen sowie sein Wunsch, die Wissenschaft auch in eine interessierte Öffentlichkeit zu tragen, liegen dieser in Deutschland einmaligen Forschungsstätte für Ägyptologie zugrunde.

Die ÄFKW wurde am 01.07.2005 ins Leben gerufen, ist Teil des Zentrums für Altertumswissenschaften (ZAW) der Universität Heidelberg und hat momentan ihren Sitz im Institut für Ägyptologie. Sie ist eine finanziell, personell und wissenschaftspolitisch eigenständige Forschungseinheit, die administrativ in die Universität Heidelberg eingegliedert ist.

Das wissenschaftliche Grundkonzept wurde von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jan Assmann und Dr. Hubert Roeder erstellt. Darin wurden als Schwerpunkte der ägyptologisch-kulturwissenschaftlichen Arbeit die Bereiche Religion, Königtum, Ritual und Literatur festgelegt. Jan Assmann ist fortan Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats, Hubert Roeder Leiter der ÄFKW.

Die Forschungen der ÄFKW verknüpfen ägyptologisch notwendige Untersuchungen mit kulturwissenschaftlich relevanten Fragestellungen. Dabei werden textuelle, ikonographische, archäologische und andere Befunde gleichermaßen berücksichtigt.

Die Tagungs- und Publikationsreihe „Ägyptologie und Kulturwissenschaft“ stellt den Kern der ägyptologisch-kulturwissenschaftlichen Forschungen der ÄFKW. Sie widmet sich jährlich oder alle zwei Jahre wechselnden Themen und sucht den Austausch mit anderen Altertumswissenschaften und kulturwissenschaftlichen Fächern insgesamt.

Ausführliche Bild-, Text- und Literaturdatenbanken zu altägyptischen Ritualen und deren spätere Publikationen bilden den Schwerpunkt der spezifisch ägyptologischen Forschungen.

Der Arbeitskreis „Frühe Kulturen“ an der Universität Heidelberg fördert den interdisziplinären Austausch vor Ort und strebt gleichzeitig eine Kooperation mit wechselnden Disziplinen und Wissenschaftlern außerhalb Heidelbergs an.

Eine an den Arbeitskreis angelegte Vortragsreihe insbesondere mit Gastreferenten soll die Forschungsschwerpunkte der ÄFKW und des Arbeitskreises in die Öffentlichkeit tragen.

Die ÄFKW verdankt ihre Existenz auch dem wissenschaftlichen Wirken von Jan Assmann. Sie unterstützt den von Aleida und Jan Assmann geleiteten Arbeitskreis „Archäologie der literarischen Kommunikation“ und veröffentlicht ferner das Schriftenverzeichnis von Jan Assmann.

Ägypten und Ägyptologie

Die altägyptische Kultur zeichnet sich durch eine Summe von Eigenheiten aus, die es notwendig machen, sie verstärkt in die kulturwissenschaftlichen Diskussionen einzubringen.

Dazu zählt die dreitausendjährige Dauer, die auf der einen Seite eine überraschende Kontinuität zentraler kultureller Strukturen mit sich brachte, auf der anderen Seite innerhalb dieses Rahmens zum Teil gravierende Weiterentwicklungen und Veränderungen in sprachlichen, religiösen, gesellschaftlichen und anderen Kultur- und Lebensbereichen ermöglichte. Das bildete die Voraussetzung des großen Einflusses auf Nachbarkulturen und schließlich indirekt auch auf spätere Epochen der Kulturgeschichte.

Eine weitere Besonderheit ist die mediale Vielfalt, mit und in der Ägypten sein Kulturschaffen zum Ausdruck brachte. Nicht nur, aber insbesondere die altägyptische Bildwelt ist für die Ägyptologie und für die Altertumsforschung insgesamt ein Glücksfall. Die Nachzeichnung der kulturellen Entwicklung und Bedeutung des Alten Ägypten verdankt sich darüber hinaus der verhältnismäßig guten Erhaltung bzw. Überlieferung von Quellen in großer Vielfalt: Bilder, Texte, Architektur, Statuen, Artefakte und archäologische Befunde. Zusammen mit der großen Menge des Quellenmaterials, das bisher nur zum Teil dokumentiert und bearbeitet ist, bieten diese Tatsachen eine relativ solide Basis zur Rekonstruktion und Interpretation zumindest zentraler Bereiche der altägyptischen Kultur.

Infolge der Vielfalt und Menge der Quellen und Fragestellungen gestaltet sich die ägyptologische Arbeit vielschichtig und ausdifferenziert, so dass Spezialisierungen auf bestimmte Fachgebiete – bei allen Bemühungen um Kohärenz und Zusammenhalt des Faches – unausweichlich bleiben. An erster Stelle stehen die traditionell ägyptologischen Bestrebungen einer Text-, Bild- und Fundbearbeitung, d. h. deren Dokumentation, Rekonstruktion, erste Analyse und Interpretation aus dem Blickwinkel der altägyptischen Quellenlage.

Ägyptologie und Interdisziplinarität

Da bereits diese Arbeitsschritte an den Quellen als solche methodisch grundsätzlich von den Forschungen anderer Disziplinen (Sprachwissenschaft, Textwissenschaft, Archäologie usw.) gelenkt sind, ist eine interdisziplinäre Vernetzung und deren Reflexion seit jeher – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung – Teil der ägyptologischen Arbeit.

Eine andere Form von Interdisziplinarität ist der ägyptologisch motivierte Austausch bei einer intensivierten Analyse und nachfragenden Interpretation. Das betrifft insbesondere Fragestellungen und Themen, die die Quellen mit Blick auf ihre Befunde in den größeren Rahmen des altägyptischen Kulturschaffens stellen. Hier geht es weniger um die Quellen bzw. die Quellenbearbeitung, sondern um Befunde und Informationen der Quellen, um religiöse, soziale, herrschaftspolitische, literarische und andere Inhalte. Eine methodenorientierte und eine phänomenologisch orientierte Interdisziplinarität lassen sich dabei streng genommen nicht voneinander trennen, sind jedoch in der Praxis mit unterschiedlicher Gewichtung immer wieder feststellbar.

Eine neue Stufe von Interdisziplinarität wurde in den letzten Jahren erreicht. Oft geht es hier um übergeordnete Perspektiven und Anliegen medialer, literaturwissenschaftlicher, religionswissenschaftlicher und anderer Art, die einer Relativierung und Korrektur herkömmlicher ägyptologischer Sichtweisen dienlich sein können. Hiermit verbunden ist eine grundsätzliche Diskussion angewandter Termini und Paradigmen, vor allem aber eine Theorienbildung auf höheren kulturwissenschaftlichen Ebenen (Literatur, Ritual, Performanz usw.). Dieser Austausch geht nur gelegentlich (mit) von der Ägyptologie aus, sondern wird in der Regel von anderen Disziplinen bzw. Forschungskollektiven angeboten. Ägyptische Quellen und Befunde werden in solchen Projekten in einen größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang gestellt und dienen der allgemeinen Methodendiskussion, der Verifizierung, Falsifizierung oder dem Aufbau neuer Theorien.

Formen der Interdisziplinarität

Auch wenn sich eine solche Trennlinie nicht eindeutig ziehen lässt, soll des Verständnisses wegen in den folgenden Ausführungen von einer Interdisziplinarität im engeren Sinne bzw. einer – mit Blick auf die Geschichte der ägyptologischen Forschung – immanenten Interdisziplinarität und von einer Interdisziplinarität im weiteren Sinne bzw. einer gestifteten Interdisziplinarität gesprochen werden. Erst beide Formen zusammen genommen gewährleisten eine angemessene, d. h. vielschichtige, differenzierte und umfassende Interpretation der altägyptischen Kultur.

Nicht diese Selbstverständlichkeit ist erwähnenswert, sondern die Frage nach der Gestaltung des Weges hin zu einer solchen umfassenden Interpretation. Es ist die methodische, inhaltliche und forschungspolitische Abstimmung der beiden interdisziplinären Formen bzw. Ebenen, die ein Problem darstellt, das einer konstruktiven Lösung harrt. Das hängt damit zusammen, dass sich ab einem gewissen Steigerungsgrad der Interdisziplinarität die Perspektive ändert. Während sich die immanente Interdisziplinarität immer als eine Perspektive der Ägyptologie auf andere Fächer und deren Methoden, Quellen und Befunde darstellt, markiert die gestiftete Interdisziplinarität eine Perspektive anderer Wissenschaften auf die Ägyptologie. Dieser Umschwung von der ersten zur zweiten Perspektive vollzieht sich gelegentlich unmerklich während einer Intensivierung herkömmlicher ägyptologischer Arbeit, wenn z. B. zur Analyse und Interpretation altägyptischer Texte zunächst (selektiv) literaturwissenschaftliche Paradigmen und Termini herangezogen werden, doch dann ein (moderner) Literaturbegriff bemüht wird, von dem aus umgekehrt nun die Texte beurteilt werden.

Eine konsequente Weiterentwicklung dieses Perspektivenwechsels einer ehemals immanenten Interdisziplinarität und doch ein Schritt in eine neue Form von Interdisziplinarität ist es, wenn Ägypten bzw. die Ägyptologie mit Fragestellungen anderer Disziplinen konfrontiert werden. Dies erfordert eine Evaluierung der Quellen hinsichtlich dieser Aufgabenstellung. Es handelt sich oft um übergeordnete, allgemeinere oder theoretische Fragen, die bisher in der Ägyptologie in diesem Umfang und in dieser Intensität nicht oder nur ansatzweise behandelt werden konnten und deren Auswirkung auf die Analyse und Interpretation ägyptischer Quellen noch nicht absehbar ist.

Wir können in den letzten Jahren eine auffällige Zunahme einer solchen gestifteten Interdisziplinarität ausmachen, die viel mit den gegenwärtigen forschungspolitischen Bedingungen und Zielsetzungen zu tun hat. Für die Ägyptologie entwickelt sich Interdisziplinarität nicht nur weiterhin aus dem eigenen Fach heraus, sondern wird durch solche an sie herangetragenen Formen kulturwissenschaftlicher Forschungskooperationen zusätzlich gefördert. Auch bei der gestifteten Interdisziplinarität lassen sich – etwas verallgemeinernd gesagt – zwei Tendenzen der Zusammenarbeit ausmachen: einen eher auf die Phänomenologie und die Befunde ausgerichteten Austausch mit den „Nachbardisziplinen“ und eine eher auf die Methoden- und Theorienbildung abzielende Interdisziplinarität.

Eine Kompatibilität der Quellen und Befunde der beteiligten Fächer aus phänomenologischer Sicht ist in vielen Projekten gestifteter Interdisziplinarität nicht oder nur vereinzelt festzustellen. Die Disziplinen und Kulturen finden vielmehr über paradigmatische und begriffliche „Leitsysteme“ zusammen. Solche „Leitsysteme“ sind in der Regel namengebend für die Forschungskooperationen, so wie „Ritualdynamik“ für den SFB 619 „Ritualdynamik“ (Heidelberg), „Theatralität“ für das ehemalige Schwerpunktprogramm „Theatralität“ (Berlin), Performanz und Performativität für den SFB „Performative Kulturen“ (Berlin).

Von solchen sehr weit greifenden und häufig abstrakt anmutenden Themenstellungen werden nun nicht nur Disziplinen angesprochen, die sich herkömmlicherweise in methodischer oder phänomenologischer Hinsicht als „Nachbardisziplinen“ verstehen. Vielmehr werden auch Brücken zu Wissenschaften geschlagen, die dem eigenen Fach bisher fern standen. Dementsprechend bürgerte sich für solche gemeinsamen Forschungsvorhaben – als Steigerung des „Interdisziplinären“ – der Begriff der „transdisziplinären“ Zusammenarbeit ein. (Vgl. A. Loprieno, Interdisziplinarität und Transdisziplinarität in der heutigen Ägyptologie, in: T. Hofmann, A. Sturm (Hgg.), Menschenbilder – Bildermenschen. Kunst und Kultur im Alten Ägypten, Norderstedt 2003, 227ff.) Als transdisziplinäre Zusammenarbeit wird der Austausch mit allen den Disziplinen angesehen, die dem herkömmlichen Fächerkanon oder –cluster eines Faches in phänomenologischer, methodischer und historischer Hinsicht nicht angehören. Es können naheliegenderweise in der Regel nur groß angelegte Forschungsprojekte sein, die eine sinnvolle Transdisziplinarität gewährleisten. Der transdisziplinäre Anspruch an kulturwissenschaftliche Großprojekte wird seit einiger Zeit auch offiziell von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhoben.

Es ist weniger die Einsicht in die prinzipielle Notwendigkeit einer solchen gestifteten inter- und transdisziplinären Orientierung und Vernetzung, sondern eher das Problem ihrer Realisierung mitsamt den technischen, infrastrukturellen und personellen Anforderungen gegenüber einem kleinen Fach, das eine Intensivierung des Austauschs von ägyptologischer Seite behindert bzw. begrenzt. Aber es zeichnen sich gelegentlich auch kritische Fragen und Vorbehalte gegenüber einer gestifteten inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit in solchen Großprojekten ab. Sie sind Reaktionen auf vorschnelle Übernahmen nur bedingt kompatibler inter- und transdisziplinärer Paradigmen und vor allem auf die manchmal extreme Selektion des untersuchten Materials und stellen theoretische Behauptungen sowie verallgemeinernde Ergebnisse in Frage.

Positionierung der ÄFKW

Eine ägyptologisch erfolgreiche Arbeit der ÄFKW muss sich nicht nur am interdisziplinären Austausch messen lassen. Sie muss sich an den Kernanforderungen ihrer Forschung orientieren, an der Rekonstruktion, Analyse und Interpretation der altägyptischen Kultur. Inter- und transdisziplinäre Paradigmen und Begriffe müssen immer daraufhin überprüft werden, ob sie diesem Ziel gerecht werden können.

Eine Interdisziplinarität der Ägyptologie kann und darf nicht ausschließlich aus der Perspektive anderer Disziplinen und Kulturen auf Ägypten formuliert werden. Sie muss vielmehr von der Ägyptologie ausgehen und auf die Kulturwissenschaft einzuwirken suchen, indem für Ägypten spezifische Befunde und Themen bzw. daraus resultierende Fragestellungen, Ideen und Theorien in den inter- und transdisziplinären Diskurs eingebracht werden. Die trans- und interdisziplinäre Arbeit kann also nur dann langfristig von Erfolg gekrönt sein, wenn es gelingt, die Eigenheiten der altägyptischen Kultur deutlich herauszuarbeiten und ihnen ein solches Gewicht zuzumessen, dass die Akzeptanz ägyptologischer Beiträge für die Kulturwissenschaften gesichert ist. Umgekehrt müssen die Notwendigkeit und die Vorteile dieser Zusammenarbeit für die ägyptologische Forschung so offensichtlich sein, dass deren Rezeption innerhalb des Faches auf keine Widerstände stößt.

Das Forschungskonzept der ÄFKW sieht die Konzentration auf ägyptologische Fragestellungen zu altägyptischen Quellen und Befunden vor, die dann als Ausgangspunkt für kulturwissenschaftlich zu verortende Fragestellungen dienen. Die ÄFKW versteht sich als eine zwar geschlossene Forschungseinheit, die allerdings eigene Untersuchungen – im Rahmen der jährlichen Tagungs- und Publikationsreihe – mit denen anderer Forscher zu verknüpfen sucht.

Die Gestaltung der interdisziplinären Zusammenarbeit vollzieht sich nicht wie in den Kooperationen der gestifteten Interdisziplinarität in einem möglichst breit angelegten Fächerkanon, sondern gestaffelt und konzentriert. Die ÄFKW arbeitet in „Forschungsclustern“, die ineinander verschachtelt sind: Im Zentrum steht die Ägyptologie, ihr folgen die Altertumswissenschaften und je nach Fragestellung andere Kulturwissenschaften.

Die Planung und Durchführung der einzelnen Tagungs- und Publikationsprojekte geht zunächst von zu erforschenden altägyptischen Quellen und Fragestellungen dazu aus. Die Auswahl der Befunde und Problemstellungen erfolgt allerdings mit Blick auf kulturwissenschaftlich auszuwertende Themen.

Das zweite cluster stellen die frühen Hochkulturen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den dementsprechenden Disziplinen. Die Konzentration auf frühe Hochkulturen innerhalb eines ägyptologisch-kulturwissenschaftlichen Forschungsvorhabens hat mehrere Gründe. Ähnlich wie die Ägyptologie als einzelnes Fach haben auch die Altertumswissenschaften insgesamt nur einen eingeschränkten Einfluss auf kulturwissenschaftlich übergreifende Diskurse. Ein maßgeblicher Einfluss altertumswissenschaftlicher Theorien und Befunde scheiterte bisher oftmals auch am Fehlen eines kontinuierlichen altertumswissenschaftlichen Diskurses und an der Klärung und Findung eigener methodischer Zugänge zu transdisziplinären Forschungsthemen.

Die Bedeutung früher Hochkulturen für kulturwissenschaftliche Fragestellungen leitet sich aus mehreren Besonderheiten ab:

• den medialen Bedingungen mit dem Fehlen moderner Massenmedien und multimedialer Alltagskultur; letztere bringen schnelle und oft unvorhersehbare Veränderungen in vielen Lebens- und Kulturbereichen mit sich, ermöglichen umfassende und schnelle Information mit gleichzeitigem Informationsüberfluss und zunehmender Orientierungslosigkeit. Um solche dynamischen Veränderungen der modernen Gegenwartskulturen und die sich daraus ergebenden neuen Fragestellungen angemessen in die kulturwissenschaftliche Diskussionen einzubringen, zählen inzwischen u. a. die Medienwissenschaften zu den Kernfächern großer kulturwissenschaftlicher Forschungsvereinigungen. Umgekehrt verlieren die medialen Bedingungen früher Hochkulturen damit an argumentativem Gewicht und werden vorschnell unter die Vorzeichen moderner Kulturen gestellt.

• den diskursiven Bedingungen mit dem Fehlen (voll) ausgeprägter, d. h. eigenständiger und institutionalisierter kultureller Diskurse (Wissenschaft, Kunst, Religion, Philosophie usw.) bzw. mit einer erst sukzessiven Entwicklung solcher Diskurse. Damit liegen hinsichtlich einer reflexiven Auseinandersetzung einer Gesellschaft mit diesen Themen und einer modernen Quellenanalyse ganz andere Bedingungen vor als in modernen Gegenwartskulturen.

• den herrschaftspolitischen Bedingungen, die zunächst von der Konstituierung und Wahrung der (territorialen) Herrschaftsräume und von der Konstituierung und Wahrung der Herrschaftsstrukturen geprägt sind. Die Herausbildung früher Hochkulturen wird in der Regel von monarchischen Machtstrukturen begleitet, die auch für viele traditionelle Gegenwartskulturen typisch sind. Die interpretative Interdependenz z. B. von medialen und herrschaftspolitischen Bedingungen liegt auf der Hand. Insbesondere sind es die kulturprägenden Kräfte machtpolitischer Spezifika früher Hochkulturen, die in kulturwissenschaftliche Fragestellungen Eingang finden sollen.

Man kann dieses Forschungsprinzip der ÄFKW mit konzentrischen Kreisen vergleichen, die von einem Kerngebiet (Ägyptologie) ausgehen, um sich mit abnehmender Intensität von ihm auszubreiten in den Kreis „Altertumswissenschaften/frühe Hochkulturen“ und um schließlich in den Kreis anderer Disziplinen einzugehen. Diese ägyptologisch-kulturwissenschaftliche Konzeption soll in allen von der ÄFKW verantworteten Projekten zum Tragen kommen. Allerdings wird das in unterschiedlicher Gewichtung geschehen, je nachdem, ob es sich um zunächst grundlegende ägyptologische Quellenarbeit oder um dezidierte kulturwissenschaftliche Forschungen handelt.

Die ausführliche Fassung des Forschungskonzepts ist über die ÄFKW zu erhalten.

Hubert Roeder