Universität Heidelberg
Ägyptologische Forschungsstätte für Kulturwissenschaft

Die pharaonische Kult- und Beigabenkeramik aus der Grabanlage K93.12
in Dra‘ Abu el-Naga/Theben-West

(Dissertation, in Arbeit)



Die Grabanlage K93.12 bildet die südliche Hälfte eines riesigen Doppelgrabkomplexes, der knapp unterhalb der Kuppe an der Ostseite der Hügelkette von Dra‘ Abu el-Naga (Theben-West/Luxor) gelegen ist. Die Bearbeitung und Dokumentation der Keramik der pharaonischen Nutzungsphasen der Grabanlage, unter Einbeziehung der Keramik aus der Nachbaranlage K93.11, sowie von kontemporär genutzten Grabanlagen aus dem Grabungsareal H in Dra‘ Abu el-Naga, ist Bestandteil der Dissertation, die von der ÄFKW gefördert wird.

Zum aktuellen Forschungsstand und einer Übersicht über den Doppelgrabkomplex siehe:www.dainst.org: Dra' Abu el-Naga

In der Grabanlage K93.12 können vier Hauptnutzungsphasen festgestellt werden:
- die Anlage des Felsgrabes in der frühen 18. Dynastie,
- der Ausbau zu einem Grabtempel in der 20. Dynastie,
- eine Wiederbenutzung als Bestattungsplatz in der 22. bis 25./frühen 26. Dynastie und schließlich
- eine mehrphasige koptische Nutzung ab dem 6./7. nachchristlichen Jahrhundert.

Diese Nutzungsphasen sind auch und insbesondere durch das erhaltene keramische Inventar der Anlage greifbar. Die Keramik der 18. Dynastie stellt hierin quantitativ den kleinsten Anteil am Gesamt-volumen dar. Der archäologische Befund lässt sich dahingehend deuten, dass von der frühen bis zur mittleren 18. Dynastie, sprich bis mindestens Amenophis II., ein Kultbetrieb an der Grabanlage aufrechterhalten wurde. Für die Zeitspanne bis zum Beginn der Umbauarbeiten in der 20. Dynastie gibt es bislang keine archäologischen Belege für Aktivitäten am Grab.

Ein Befund, der sich für die Betrachtung der Keramik der Vorhöfe als außerordentlich wichtig erwiesen hat, ist der Zerstörungshorizont aus Sandsteintrümmern, der in beiden hohepriesterlichen Anlagen beobachtet werden konnte. Die bis zu einem halben Meter mächtige Schichtung aus Sandsteinbruch und zahllosen Relieffragmenten war zwar nicht in allen Schnitten der Vorhöfe ungestört erhalten, aber besonders im Westen des inneren Vorhofs von K93.12 hat sie in großen Teilen einen reinen spätramessidischen Keramikbefund konserviert.
Ebenfalls blieb auf diese Weise im Eingangsbereich von K93.12 und in der zentralen Grabachse platziert, ein sogenanntes Osirisbeet erhalten. Es handelt sich um ein kleines Beet aus dunkler Erde, das mit einzelnen losen Lehmziegeln und Bruchsteinen eingefasst war. Direkt neben dem Beet fand sich in einer dicken Packung aus verfestigter Erde eine große Anzahl von Keramikscherben desselben Gefäßtyps. Es handelt sich dabei um schlanke, geschlossene Gefäße mit zumeist kleinem Standboden und einem zylindrischen Hals.
In einem anderen Bereich des inneren Vorhofs, konnte eine auffällig große Ansammlung von Scherben ramessidischer Teller beobachtet werden. Ein Hinweis, dass einige dieser Gefäße noch in situ gelegen haben, fand sich an einer der Säulen des Portikus. Hier lagen Tellerscherben mit größeren Mengen von Zweigen und Blättern zusammen, die vermutlich die Reste von Pflanzengebinden darstellen, die auf oder mit den Tellern hier niedergelegt wurden. Diese Ansammlungen von Zweigen und Blättern im direkten Verbund mit offenen Gefäßen konnte bereits in zwei weiteren Vorhofbefunden im Grabungsareal H von Dra‘ Abu el-Naga beobachtet werden. Dort stammen sie aus Kontexten der frühen und mittleren 18. Dynastie, und waren in einem Fall ebenfalls in der Nähe eines Osirisbeetes deponiert.

Der Keramikbefund der ungestörten Abhübe unterhalb des Zerstörungshorizontes im inneren Vorhof von K93.12 zeigt, dass einzelne Gefäßformen fast „sortenrein“ an bestimmten Stellen im Vorhof deponiert wurden. Die unmittelbare Nähe der schlanken Gefäße mit zylindrischem Hals zum Osirisbeet deutet auf einen Zusammenhang zwischen Gefäßtyp und Kultstelle hin. Die Masse an Tellern direkt vor den Säulen des Portikus lassen auf eine Deponierung von Opferspeisen an dieser Stelle schließen.

Der Grabinnenraum von K93.12 besteht aus einem horizontal aus dem Fels gehauenen Korridor, der in einen unfertig belassenen Vierpfeilerraum mündet. Mittig zwischen den Pfeilern liegt der zehn Meter tiefe Schacht, von dessen Boden ein kurzer absteigender Gang nach Westen in die Grabkammer führt. Der Schacht und die unterirdische Anlage waren fast vollständig mit Schutt verfüllt. Die Grabkammer enthielt die Überreste von mehreren geplünderten und zerstörten Grabinventaren, welche drei verschiedenen Bestattungsphasen angehören. Die erste Phase bildet die Bestattung des Hohepriesters Amenophis, von der unter anderem Fragmente seines Holzsarges und beschriftete Holzuschebtis erhalten sind.
Zu den keramischen Beigaben gehörten unter anderem vier Vorratsgefäße, die sich zum größten Teil rekonstruieren ließen. Zwei dieser Gefäße waren mit dem Namen und Titel des Hohepriesters Amenophis beschriftet.
Die Abhübe aus dem unterirdischen Teil der Grabanlage sind stark durchmischt und eine so klare zeitliche Trennung wie sie in den Vorhöfen stellenweise durch den Zerstörungshorizont gegeben ist, ist hier nicht möglich. Fragmente der mit Amenophis’ Namen und Titeln beschrifteten Gefäße sowie Gefäßfragmente der 25. Dynastie fanden sich zum Beispiel zwischen Kartonagefragmenten der 22. Dynastie, die ganz am Westende der Kammer lagen. Aufgrund der fehlenden Stratigraphie und der formalen Nähe der Gefäßtypen der 20. und der 22. Dynastie, ist eine eindeutige Zuordnung weiterer Gefäße aus der unterirdischen Anlage zu einer der beiden Phasen schwierig.
Die dritte Bestattungsphase in der unterirdischen Anlage bildet die 25. Dynastie, deren keramisches Inventar sich gut von denen der vorhergehenden Phasen unterscheiden lässt. Sie ist ebenfalls in großen Mengen in den Vorhöfen vorhanden, wo die 25. und frühe 26. Dynastie die vierte Bestattungsphase bilden, da Keramik der 18. Dynastie in den Vorhöfen und im oberen Grabinnenraum, nicht aber in den Passagen und in der Grabkammer identifiziert werden konnte.

Die zahlreichen Funde von Sargkartonagen und Sargfragmenten, sowie der zeitlich entsprechende keramische Befund im Schutt der Vorhöfe, machen deutlich, dass der gesamte Grabkomplex nach der 20. Dynastie bis in die frühe 26. Dynastie weiterhin als Bestattungsplatz genutzt wurde. Antike wie rezente Plünderungen, wie auch die koptische Wiederbenutzung der Anlage haben dazu geführt, dass der Schutt oberhalb des Zerstörungshorizontes mit Gefäßfragmenten aller hier beobachteten Epochen durchsetzt ist.

Was den Befund aus K93.12 für die Keramikforschung zu einer Besonderheit macht, ist die Tatsache, dass er einer der wenigen gut datierbaren Keramikbefunde am Ende des Neuen Reiches ist. Gerade der vierten keramologischen Datierungsphase des Neuen Reiches, der Zeitspanne von Merenptah bis Ramses XI., mangelt es bislang zahlenmäßig an gut datierten Kontexten.


Susanne Michels



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