Universität Heidelberg
Ägyptologische Forschungsstätte für Kulturwissenschaft

Ritualutensilien und Bestattungskult im Alten Ägypten.

(Dissertation, in Arbeit)



Ein Kennzeichen der altägyptischen Kultur ist ihre Fixierung auf Rituale für Götter und Verstorbene, für Könige und nicht-königliche Personen. Die vielfältigen rituellen Praktiken umfassen die Behandlung Verstorbener für ihren Jenseitsaufenthalt, die Versorgung der Götter in Gestalt ihrer Statuen in den Tempeln und den Schutz der Lebenden vor Widersachern, Krankheiten und Gefahren. Die in Arbeit befindliche Dissertation widmet sich den Ritualen des Bestattungskultes vom Alten bis zum Neuen Reich, d.h. der Zeit von ca. 2700 – 1100 v. Chr. Im Zentrum steht die Untersuchung der Typen und Funktionen der in den Totenritualen verwendeten Utensilien.

Bei der Durchführung eines altägyptischen Rituals spielt neben den Ritualakteuren, den zu rezitierenden Sprüchen, den manuellen Handlungen und den Objekten, die dem Verstorbenen zur Versorgung mit ins Grab gegeben werden, die Verwendung von Ritualutensilien eine große Rolle. Sie finden sich in den zahlreichen Ritualdarstellungen dekorierter Gräber wieder, die ihre Benutzung in den verschiedenen Phasen einer rituellen Performanz zu erkennen geben. Ritualgegenstände sind auch Thema zahlreicher Texte, werden in so genannten Opferlisten angeführt und in Rezitationstexten angesprochen. Bilder und Texte komplementieren sich also in ihren Informationen. Doch sind uns Ritualutensilien auch in einer weiteren Dimension überliefert: als Artefakte in archäologischen Befunden. So konnten Ritualgegenstände gelegentlich in situ in oder bei Gräbern gefunden werden. Da auch nach der Bestattung ein regelmäßiger Totenkult am Grab stattfand, hat es den Anschein, dass kontinuierlich benötigte Utensilien an der Kultstelle beim oder im Grab deponiert wurden. Mit Blick auf das Untersuchungsobjekt „Ritualutensilien“ werden also Informationen aus allen Quellengattungen zusammengeführt und ausgewertet und der Fokus auf die Durchführung ritueller Handlungen – also auf deren Performanz – und auf diese Aktionen selbst gelenkt.

Arbeitsdefinition und Quellen

Als Arbeitsdefinition für den Begriff „Ritualutensilien“ soll zunächst gelten:

1. Ritualutensilien sind „Werkzeuge“ bzw. „Instrumente“, die aus verschiedenen Gründen für die Durchführung eines Rituals unabdingbar sind.

2. Es handelt sich um Objekte, die nicht zwischen dem rituellen Akteur und dem Ritualadressaten verhandelt bzw. Letzterem übergeben werden.

Für die Untersuchung sollen drei Medien der Überlieferung berücksichtigt werden: die bildlichen Darstellungen, die schriftlichen Erwähnungen und die archäologischen Artefakte inklusive ihrer Befunde. Als Quellen für die Darstellungen und Texte dienen Grabwände, Särge und sonstige Objekte, die im Grab oder seiner Umgebung deponiert wurden, sowie Papyri und Stelen. Im Fall der königlichen Bestattungen sollen zudem die vom Grab räumlich getrennten Kultorte, insbesondere die so genannten Millionenjahrhäuser, in die Untersuchung mit einfließen. Die rituellen Artefakte, d.h. die auf uns übergekommenen tatsächlichen Ritualutensilien, sollen an Hand des jeweiligen archäologischen Befundes und somit im direkten Kontext ihrer Deponierung im oder am Grab untersucht werden.

Fragestellung

Die Untersuchung wird von folgenden Fragen geleitet:

1. In welcher Beziehung stehen Änderungen im archäologischen Befund zu zeitgleichen kulturellen und religiösen Veränderungen?
Diese Frage kann hinsichtlich zeitlicher und lokaler Kriterien weiter differenziert werden. So wäre z.B. nachzufragen, inwiefern sich der dramatische Wandel im Grabgedanken in der 18. Dynastie auch auf die Deponierung von Ritualutensilien auswirkte.

2. Welche Aufschlüsse geben Ort und Art der Deponierung von Ritualutensilien über die Bedeutung, Funktion und Ausführung von Ritualen?
Hier gilt es unter anderem solche Fälle zu untersuchen, in denen Ritualutensilien nicht in den Gräbern oder auf Objekten dargestellt werden und solche auch nicht explizit in Textquellen genannt werden. So können Ritualutensilien gelegentlich nur aufgrund eines archäologischen Befundes von Kultpraktiken – in Verbindung mit schriftlichen Thematisierungen in anderen Kontexten – verifiziert werden Das trifft z.B. auf jene keramischen Gefäße zu, die von den Angehörigen eines Verstorbenen im regelmäßigen Totenkult am Grab zur Einnahme der Speisen und Getränke benutzt und anschließend dort zurückgelassen wurden. Die kultische Relevanz dieses am Grab deponierten Gebrauchsgeschirrs wird in einzelnen Fällen klar durch die ebenfalls dort niedergelegten Libationsgefäße und Opferständer bestätigt.1

3. Stimmen die Darstellungen von Ritualutensilien und die sie begleitenden Texte mit dem zeitgleichen archäologischen Befund überein?

Wissenschaftstheoretische und methodische Kontextualisierung

Das Verhältnis von Archäologie und Ritual wird in den Kulturwissenschaften in den letzten Jahren intensiver behandelt. Dabei geht es nicht nur um die fach- und kulturspezifischen Fragen zur rituellen, religiösen, ökonomischen und sozialen Situation einer Gesellschaft. Ein Hauptanliegen ist vielmehr die inter- und transdisziplinäre Ritualdiskussion als solche. Über die Archäologie bzw. über das Potential archäologischer Tätigkeiten und Befunde können die Altertumswissenschaften ihren spezifischen und maßgeblichen Einfluss auf die ritual studies ausüben. Die Ritualforschung wurde in ihren frühen Jahren vornehmlich von religionswissenschaftlichen und eben auch altertumswissenschaftlichen Forschungen geprägt. Ihr theoretisches Fundament waren hauptsächlich die überlieferten Texte der jeweiligen Kultur. Dementsprechend waren die paradigmatischen Angebote für eine Ritualanalyse und –interpretation und die erzielten Ergebnisse primär von den Bedingungen des Ritualtextes geprägt. Diese Einseitigkeit wurde zunehmend zum Kritikpunkt insbesondere für die ethnologischen und sozialwissenschaftlichen Fächer, die nun seit mehreren Jahrzehnten die Ritualdiskussion dominieren. Sie legen den Schwerpunkt auf die Beobachtung von Ritualen und machten damit die beobachtbare Handlung zum zentralen Paradigma der Ritualforschung. Dieser Paradigmenwechsel vom Ritualtext zur Ritualhandlung kommt dem Kern des Rituals zwar näher, bringt jedoch seinerseits Einseitigkeiten und Verzerrungen mit sich. Das betrifft insbesondere die Überbetonung der Varianz von Ritualaufführungen, der so genannten Performanz und ihres Einflusses auf die Gestaltung von Ritualen. Die detaillierte und kontinuierliche Beobachtung konkreter Ritualperformanzen offenbart naheliegenderweise zahlreiche Modifikationen in der Ausführung von Ritualhandlungen. Doch müssen diese in ihrer Tragweite relativiert und in den größeren Rahmen tradierter Ritualvorschriften gestellt werden. Eine solche Korrektur des Verhältnisses zwischen ritueller Tradition und Modifikation kann jedoch nur von den Wissenschaften vorgenommen werden, die Kulturen mit einer dementsprechend langen Dauer im Blick haben. Hier sind nun wieder die Altertumswissenschaften gefragt, die das ritualwissenschaftlich wegweisende Paradigma der Handlung vor dem Hintergrund der Tradierung von Ritualen in Texten, Bildern, Architektur und Artefakten untersuchen müssen. Anders als Bilder sind rituelle Artefakte und archäologische Befunde unmittelbare Zeugen ehemaliger ritueller Handlungen. Sie sind sowohl – für den Ägypter – Teil bzw. Ergebnis einer rituellen Handlung als auch – für uns – Hinterlassenschaft einer rituellen Handlung. Die Frage nach gewollter und ungewollter Fortdauer einer rituellen Handlung in den uns als archäologischen Befunden auftretenden Artefakten ist ein wichtiges Thema der altertumswissenschaftlichen Forschung.

Einen großen Beitrag zur Interpretation archäologischer Kultbefunde leistet besonders die Erforschung der Minoischen Bronzezeit auf Kreta, kaum auf schriftliche, wohl aber auf vielfältige bildliche Quellen zurückgreifen kann. Die minoische Ritualforschung ist deshalb stark auf die Ausdeutung ihrer archäologischen Befunde angewiesen. Aus diesem Grund soll bei der Interpretation der ägyptischen Deponierungen die Methodik der Erforschung der Minoischen Bronzezeit zum Vergleich herangezogen werden.

Unter den Altertumswissenschaften steht die Ägyptologie in der Ritualforschung in einer besonderen Bringschuld, da sie nicht nur eine über drei Jahrtausende währende Kultur untersucht, sondern auch über ein in der Zusammensetzung und Fülle einmaliges Quellenmaterial verfügt. Das angesprochene Verhältnis von Bild, Text, Architektur, Artefakten und archäologischen Befunden kann nur von ihr in angemessener Weise beleuchtet werden. Dementsprechend hatte sie maßgeblichen Anteil an der Einrichtung des Sonderforschungsbereiches 619 „Ritualdynamik“ an der Universität Heidelberg und ist an diesem seit dessen Gründung ununterbrochen beteiligt.


Susanne Michels



-> Organisation -> Mitarbeiter: Susanne Michels



1A. SEILER, Ein Kultkeramikensemble aus dem Mittleren Reich, in: D. POLZ, et al., Bericht über die 6., 7. und 8. Grabungskampagne in der Nekropole von Dra’ Abu el-Naga/Theben-West, MDAIK 55, S. 377 – 390.